Dänemark

Sonntagmorgen, 5:45 Uhr. Verschlafen standen wir, das heißt 26 Schüler der elften Klassenstufe, an der Schule und warteten darauf, in den Bus nach Dänemark einsteigen zu können. Sechs Uhr ging es los: Neun Stunden von Erfurt über Göttingen und Flensburg nach Århus an der Ostküste Dänemarks, zweitgrößte Stadt nach Kopenhagen. Wer nicht schlief, spielte Karten, hörte Musik, las oder unterhielt sich.

Gegen fünf Uhr nachmittags kamen wir am Marselisborg Gymnasium an, bei Sonnenschein und fast 10°C mehr als in Erfurt. Viele wurden bereits von „ihren Dänen“ erwartet, einige mussten sich noch etwas gedulden, da die Gastgeber über die ganze Stadt verstreut wohnten, manche sogar außerhalb.
Nachdem jedem seine Gastfamilie vorgestellt und das Haus gezeigt wurde, jeder sein Zimmer bezogen und Abendbrot gegessen hatte, trafen wir uns abends im Minnepark. Schon jetzt waren alle von der Lebensweise (und dem Aussehen) der Dänen und Däninnen beeindruckt. Die zunächst ziemlich eindeutige Aufteilung in Deutsche und Dänen wurde mit einem Baseball-ähnlichen Spiel, genannt Rundbold, aufgehoben, indem gemischte Teams erstellt wurden. Hinterher gingen wir an den Strand, wo wir das erste Mal richtig ins Gespräch mit den Dänen kommen konnten.

Am nächsten Morgen trafen wir uns acht Uhr morgens in der Schule, wo wir in einem Vortrag einiges über die dänische Gesellschaft, das Parteiensystem, die Regierung sowie Steuer- und Lohnwesen erfuhren, was unseren Eindruck vom hohen Lebensstandard der Dänen noch verstärkte. Dass die durchschnittliche Lebenserwartung eines Dänen höher als eines die eines Deutschen war, schien uns angesichts der Rauch- und Trinkgewohnheiten der Dänen nicht richtig einleuchten zu wollen, bis wir den bei uns üblichen Stress dem entspannten Alltag der Dänen gegenüberstellten.
Den restlichen Vormittag verbrachten wir mit einem individuellen Stadtrundgang, die Besteigung des Rathausturmes fiel leider aufgrund von Renovierungsarbeiten aus. Den Nachmittag gestaltete jeder wie er wollte mit Dänen und Freunden, einige mit Fußballspielen, andere im Kino.
Abends luden zwei Dänen zu sich nach Hause ein, wo wir einfallsreiche Spiele wie „Fuck you“ kennenlernten. Es wurde viel geredet, wir tauschten mit den Dänen vor allem unsere ersten Eindrücke über Dänemark aus; wie fasziniert wir von ihrer lockeren und stresslosen Lebensweise waren, aber auch von dem weit verbreiteten, hohen Wohlstand. Unterhalten wurde sich auf Englisch, zu späterer Stunde war es selbst für uns Deutsche vollkommen normal, untereinander auf Englisch zu reden. Allerdings war sehr schnell festzustellen, dass die Dänen uns mit ihren Englischkenntnissen stark überlegen waren, ob es nun vom Unterrichtssystem kam, oder davon, dass alle Kino- und viele Fernsehfilme auf Englisch mit dänischen Untertiteln liefen. Überhaupt waren englische Sprachkenntnisse bei allen Dänen, sei es die Großmutter der Gastfamilie oder ein beliebiger Busfahrer, sehr stark ausgeprägt, und es gab kaum jemanden, der nicht wenigstens in Ansätzen Deutsch sprechen konnte.

Am Dienstagmorgen gingen wir mit unseren Dänen zusammen zur Schule, wo sie in ihre jeweilige Klasse und wir in eine Unterrichtsstunde Dänisch gingen. Der Unterricht begann acht Uhr, aber auch hier legten weder Schüler noch Lehrer besonders großen Wert auf Pünktlichkeit. 7:45 Uhr kamen die ersten, 8:15 Uhr die letzten zur ersten Unterrichtsstunde, und wer bei einem Schulweg von zehn Minuten das Haus um fünf vor acht verließ, sah darin keinen Grund zur Eile.
In dieser 90-minütigen Unterrichtsstunde lernten wir schon einige Wörter und Phrasen auf Dänisch, konnten uns vorstellen und andere Leute nach ihrem Befinden fragen. Dann ging es weiter mit einem Vortrag (unter starker Einbeziehung des Publikums) über Kriminalfürsorge für jugendliche Straftäter und Kriminalität im Allgemeinen, gehalten von dem Universitätsprofessor Lars Horskaer, der sehr gutes Deutsch sprach.
Bis zur geplanten Fahrradtour blieb uns noch etwas Zeit, weshalb wir uns in die Cafeteria setzten, wo wir auch einige unserer Dänen antrafen. Diese hatten gerade, wie es wohl oft am Gymnasium üblich ist, eine in Gruppe zu lösende Aufgabe erhalten, wobei es ihnen immer freisteht, sich ohne Aufsicht des Lehrers in die Kantine zu setzen und selbstständig zu arbeiten und, sobald sie fertig sind, in den Unterrichtsraum zurückzukehren. Im Übrigen ist das Notebook ein vollkommen übliches Arbeitsmittel in jedem Unterrichtsfach.
Ab dem Gymnasium haben dänische Schüler Unterricht immer in Blockstunden (drei bis vier pro Tag) zu je anderthalb Stunden. Das Gymnasium beginnt mit der zehnten Klasse und endet mit der zwölften. Zuvor gehen alle Schüler von der nullten Klasse, in die man etwa mit fünf Jahren kommt, bis zur neunten Klasse an dieselbe Schule, ohne, dass bereits in der fünten Klassenstufe auseinandergerissen und nach Leistung gestaffelt wird. Den Abschluss dieser „Grundschule“ bildet in Århus ein großes Fest aller Neuntklässler der Stadt im Minnepark.
Auch aufgrund dessen, dass also an einem Gymnasium nur Schüler von mindestens 16 Jahren unterrichtet werden, hat uns allen die Atmosphäre dort sehr gut gefallen. Besonders beeindruckt waren wir außerdem von solchen Unvorstellbarkeiten, wie dass die Schüler der zwölften Klasse in den Pausen ihren Laptop an die Anlage der Cafeteria anschließen und ihre eigene Musik abspielen (und richtig aufdrehen) dürfen.
Aber wieder zurück zu unserem Tagesablauf am Dienstag: Nach einer halbstündigen Pause in der Kantine machten wir uns mit den Fahrrädern, die uns unsere Gastfamilien geliehen hatten, auf nach Savtrup, einer „Wohngemeinschaft“, die mit ihren ca. einhundert Bewohnern schon beinahe ein kleines Dorf bildete. Nachdem wir im gemeinschaftlichen Essensraum eine Kleinigkeit zu uns genommen hatten, wurde uns das Gemeinschaftshaus gezeigt und der Grundgedanke der Wohngemeinschaft erklärt: Man wollte Menschen aller Generationen zusammenbringen. Zu diesem Zweck war diese Wohnhaussiedlung gebaut worden, mit einem eigenen kleinen Kino, dem schon erwähnten Gemeinschaftshaus und anderen gemeinsamen Gebäuden. Die Familien, die dieser „großen Familie“ angehörten, aßen drei mal pro Woche gemeinsam im Gemeinschaftshaus, wobei alle Aufgaben, vom Essen machen, über das anschließende Abwaschen bis hin zum Kehren aufgeteilt und jedes Mal neu vergeben wurden.
Unsere Abfahrt von Savtrup wurde durch plötzlichen starken Regen verzögert, aber wir hatten doch alle genug Zeit, um, als wir wieder an der Schule angekommen waren, unseren Nachmittag noch nach Belieben zu gestalten, bis wir uns dann abends wieder bei zwei Dänen trafen. Natürlich musste an diesem Abend wenigstens nebenbei das Fußballspiel Dänemark – Island laufen, das nach einer schlechten Partie beider Seiten mit 1:0 in der 91. Minute für Dänemark endete.

Der Mittwoch begann ebenfalls acht Uhr morgens, diesmal mit einer Blockstunde Englisch. Etwas für uns auch völlig neues, waren kurze, gedichtähnliche Texte in Dialogform und mit teilweise sehr merkwürdigem Inhalt, die die Klasse in zwei Hälften geteilt zusammen aufsagte.
Als nächstes besuchten wir Bazar Vest, eine große Einkaufshalle, in der alle nur erdenklichen asiatischen, kleinasiatischen und orientalischen Produkte, von Gemüse und Obst über Musik-CDs bis hin zu Kleidung, Teppichen und Schmuck zu kaufen waren. Wer ohne Vorurteile hineinging, konnte durchaus viele interessante Sachen sehen und musste entgegen der Behauptung einiger feststellen, dass es dort wesentlich weniger stank, als in unserem Rewe.
Schließlich (be)suchten wir noch eine Joghurtfabrik von Arla Food. Hier wurde uns zunächst bei einer kleinen Kostprobe einiges Allgemeine über Arla (ein großer skandinavischer Milchproduktekonzern) und natürlich seine Naturverbundenheit erzählt, im Anschluss schilderte uns ein deutscher Mitarbeiter seinen Werdegang bei Arla. Schließlich wurden wir noch durch die Produktions- und Lagerräume geführt und lernten einiges über die Herstellung des Joghurts.
Dieser Abend fand seine Krönung in zwei Stunden gemeinsamen Bowlings mit den Dänen und war genauso ausgelassen wie die bisherigen.

Der Englischunterricht am Donnerstag fand mit den Dänen gemeinsam statt und zwar in Form eines Spieles: Die Klasse wurde in Gruppen von vier Schülern (zwei Dänen, zwei Deutsche) geteilt. Diese sollten so schnell wie möglich den frühesten Termin herausfinden, wann man Dracula, der vor kurzem in Transilvanien wieder auferstanden war, töten könne. Dazu erhielt jede Gruppe einen von zwei unterschiedlichen Informationszetteln, auf denen jeweils die Hälfte der nötigen Informationen stand. Aufgabe war nun, durch geschickte Fragestellungen und Antworten, natürlich ausschließlich auf Englisch, der Gegenpartei möglichst viele Informationen unter Preisgabe möglichst weniger eigener Informationen zu entlocken, um als erste Gruppe herauszufinden, wann Dracula zu töten sei.
Nach dieser Schulstunde besuchten wir das Moesgaard Museum, einen alten Gutshof mit einer großen Ausstellung von Funden und Ausgrabungen, unter anderem der besterhaltensten Moorleiche der Welt. Wer wollte, fuhr mit dem Bus dorthin, aber einige nutzten das gute Wetter für eine wirklich schöne Fahrradtour durch den Wald.
Abends trafen wir uns in der „Partyscheune“ einer Dänin, was kurz gesagt auch ein sehr gemütlicher Abend wurde…

Der Freitagmorgen war wahrscheinlich für die Dänen das Highlight: Wie jedes Jahr durften die Deutschen vor der gesamten Schule ein kleines Programm aufführen. In letzter Minute fertig mit den Vorbereitungen, sangen wir zunächst Bruder Jakob, um dann von Null auf Hundert die Stimmung mit „Komm hol das Lasso raus“ und dem „Roten Pferd“ samt Choreografie auf den Höhepunkt zu treiben.
Bis zum bedeutenden Länderspiel Deutschland-Dänemark auf dem kleinen Fußballplatz hinter dem Marselisborg Gymnasium blieb noch Zeit, wahlweise das Kunstmuseum Aros oder „Den gamle By“ zu besuchen, ein Freilichtmuseum, in dem ein ganzer kleiner Stadteil von alten Häusern aus ganz Dänemark zusammengetragen und ausgestaltet ist.
Als schließlich das Fußballspiel begann, machte sich sofort bemerkbar, was wir befürchtet hatten: Da circa die Hälfte der dänischen Jungen seit Jahren im Verein Fußball spielte, blieben unsere Chancen relativ gering und das Spiel endete mit 5:1 für Dänemark, ein kleiner Hinweis für die Austauschschüler des nächsten Jahres, was es da gerade zu rücken gibt.
Immerhin konnten wir uns beim anschließenden spontanen, leider auch bedeutungslosen Elfmeterschießen durchsetzen.
Der Abend dann bildete den Höhepunkt mit der Abschiedsparty in der Aula, die leider 23:00 beendet und auf Pubs in der Stadt verlagert werden musste.

Und dann war es schon wieder so weit. Am Samstagmorgen gegen neun fanden wir uns alle am Marselisborg Gymnasium ein, um uns von den Dänen zu verabschieden und widerwillig in den Bus nach Erfurt einzusteigen. Viele Worte des Dankes und herzlicher Abschied beendeten diese fantastische, viel zu kurze Zeit. Ausnahmslos alle von uns wären am liebsten noch ein bis zwei Wochen geblieben. Durch die vielen gesammelten Eindrücke und Erfahrungen, durch den Spaß und das Erlebnis einer viel fröhlicheren und entspannteren Lebensweise hatten die meisten schlicht und einfach keine Lust mehr, überhaupt in näherer Zeit nach Deutschland zurückzukehren. Und es waren sich alle einig: Das soll nicht das letzte Mal Dänemark gewesen sein.
Wir danken den begleitenden Lehrerinnen Frau Kirschstein und Frau Schein, die uns das alles erst ermöglicht und die Verantwortung über 26 Schüler auf sich genommen haben, um uns eine derart eindrucksvolle und ausgelassene Woche zu verschaffen. Besonders bei Frau Kirschstein, die nun bereits seit über 20 Jahren an diesem jährlichen Austauschprojekt maßgeblich beteiligt ist, möchten wir uns noch einmal für ihre Bemühungen zur Erhaltung desselben bedanken und können allen nachfolgenden Jahrgängen wirklich nur wünschen, dass sich diese Möglichkeit auch ihnen noch bietet.