„Alles gut?“ „Alles gut!“ – Anti-Drogen Projekt in Bulgarien

Das diesjährige Antidrogenprojekt fand, in der bulgarischen Kurstadt Sandanski statt. Nach acht langen Stunden Anreise kam der Kleintransporter, der uns vom Flughafen abgeholt hatte, zum Stehen und wir wurden von Jörg Strenger, einem der Hauptverantwortlichen und Initiatoren des Projektes, herzlich in Empfang genommen. Unsere kleine Gruppe bestehend aus Herrn Vogel, Daniel, Jörg, Sven und mir bezog die Zimmer und ging im Anschluss in die Stadt, um dort ein bisschen die Geschäfte entlang der „Einkaufsmeile“ zu sichten. Diese bestand aus einem Armani-Shop und 50 Straßenhändlern mit Touristenkitsch. Das Abendessen fand gemeinsam mit anderen Schülergruppen aus Mazedonien und deren Lehrern statt. Der Abend endete schließlich in netten Unterhaltungen mit den Schülern aus Bulgariens Nachbarstaat.

Der nächste Tag beinhaltete den größten Teil des vorgesehenen Programmes für das Projekt. Es bestand aus der Begrüßungszeremonie, einem Stadtlauf, einer Fahrradtour, einem Anti-Drogen Kunstprojekt und einem Ausflug in das berühmte Kloster von Melnik am darauffolgenden Tag. Nach der herzlichen Begrüßung durch Nikolai, den liebenswerten Schulleiter des städtischen Gymnasiums, begaben sich alle Projektteilnehmer zur Start- und gleichzeitig Ziellinie des Laufes. In großem Getümmel stürzte die bunt gemischte Kindermenge los. Diese anfängliche Schnelligkeit forderte gleich nach den ersten 200 m schon ihre ersten Atemknappheits-Opfer. Der Lauf nahm eine äußerst abrupte Wende, als das sichernde Polizeiauto am Anfang des Feldes, plötzlich anhielt, da ein Stau keine Weiterfahrt möglich machte. Nun wurde Hals über Kopf entschieden einfach wieder umzudrehen. Den Schlussprint gewannen Daniel und ich noch ziemlich knapp vor unseren mazedonischen Kollegen vom Vorabend. Nur den bulgarischen Fünfkämpfer hatten wir nicht mehr einholen können, da er durch seine Wettkampfroutine einfach einen riesigen Vorsprung herausgearbeitet hatte. Nachdem sich die letzten Teilnehmer über die Ziellinie geschleppt hatten, folgte eine kleine Fahrradtour mit dem gesamten Kinderaufgebot von Sandanski und dem berühmten Ex-Radprofi und Friedensfahrtgewinner Olaf Ludwig. Nach der Siegerehrung der Läufer folgte die Kunstetappe der Veranstaltung. Bei dieser sollten wir auf Leinwand ein Bild gegen den Gebrauch von Drogen malen. Die Ideen unserer deutschen Delegation waren sicherlich gut, aber leider in der Umsetzung durch unsere Zeichenkünste nicht realisierbar. Na ja, ein Stoppschild mit der Aufschrift „No drugs“ und einem durchgestrichenen, hanfblattähnlichem Gebilde darauf wird es wohl nie zu außergewöhnlich viel Ruhm bringen, doch war unsere Beteiligung sowieso eher eine symbolische. Nach dem Programm trafen wir uns noch mit ein paar Mazedoniern und verbrachten mit ihnen die restlichen Stunden des Tages.
Der nächste Morgen begann mit fünf schlaftrunkenen Deutschen, die mit den T-Shirts des Anti-Drogen Projektes in den Speisesaal gewatschelt kamen, um sich für den Tag in Melnik zu stärken. Melnik ist ein sehr verschlafenes Örtchen mit einem europaweit bekannten Kloster, welches sich durch seinen Weinanbau einen Namen gemacht hat.
Wir waren eigentlich schon zu spät, aber Pünktlichkeit spielt in Bulgarien, und erst recht auf einem Ausflug nach Melnik, keine große Rolle. Somit waren wir sogar eine der ersten Gruppen, die sich bei den Kleinbussen einfand, die uns über Bulgariens Weinberge befördern sollten. Als endlich alle Teilnehmer eingetroffen waren, teilten wir uns auf die Busse auf und los ging die Fahrt über Serpentinen und Passstraßen durch verbrannte Buschlandschaft und Dörfchen ohne Supermarkt. Auf dem Parkplatz des Klosters angekommen, folgten wir Herrn Vogel durch die heiligen Pforten. Uns überraschte, dass alles genauso aussah, wie beim letzten Besuch. Hier fanden wir den krönenden Abschluss des zeitlosen Bulgariens vor. Bei der Besichtigung eines Raumes mit einer zehn Meter langen Tafel, erwartete man geradezu, an deren Ende einen alten Klostervater mit langem Gewand und weißem Bart vorzufinden. Doch dazu reichte die Märchenvorstellung leider nicht, denn dort saß nur der Sportlehrer der Mazedonier.
Nach dem Besuch dieser altehrwürdigen Anlage wurde die Truppe hinunter ins Dorf gefahren und mit traditioneller Küche bewirtet. Diese Geste ist Hauptmerkmal einer Gegend, in der Gastfreundschaft größer als Fortschritt geschrieben wird, und wir wussten sie gebührend zu würdigen. Jedoch war das Aufessen nicht gerade einfach, da wir nicht unbedingt das Verlangen hatten am zementartigen Kartoffelbrei zu ersticken.
Zwei Stunden später, wir fanden uns gerade bei den Bussen ein, folgte der Abschied von unseren mazedonischen Freunden. Schweren Herzens wurde noch ein letztes Gruppenfoto gemacht und drei Minuten später sahen wir nur noch die Rücklichter des Reisebusses, der gerade wieder versuchte, ein Auto in der Kurve zu überholen. Leicht deprimiert und von allen Mitfahrgelegenheiten verlassen schlenderten wir nun die Hauptstraße der kleinsten Stadt Bulgariens entlang, um jemanden zu treffen, der uns zurück nach Sandanski bringt. Doch wir trafen nicht irgendjemanden, wir trafen „Gerard“. Ein Franzose, wie er im Buche steht und insgesamt das Vorbild schlechthin. Als ein Iron-Man wurde er uns von Olaf Ludwig hochachtungsvoll beschrieben und als gut angezogenen, französischen Gymnasiallehrer erlebten wir ihn. Während der Fahrt scheiterten unsere Kommunikationsversuche zwar kläglich, jedoch kamen wir ins Gespräch, als wir fast ein Eichhörnchen und danach eine Schildkröte überfuhren und er mir seine Leidenschaft für Ersteres schilderte. Jedoch nicht von Seiten eines Tierfreundes, sondern aus kulinarischer Sicht.
Schließlich saßen wir an diesem Tag voller Gegensätze im Sonnenuntergang in einer kleinen Holz-Akropolis über der Stadt und versicherten Herrn Vogel, dass diese Reise „so richtig geil“ sei.
Der Tag der Abreise begann mit dem Besuch des Gymnasiums der Stadt, wo wir uns mit den Schülern ausgelassen unterhielten und Fotos machten. Es wurde angemerkt, dass unsere Gymnasien doch Partnerschulen werden sollten und nachdem Herr Vogel in einem diplomatischen Gespräch erste Formalitäten geklärt hatte, war der Grundstein für die Zusammenarbeit gelegt. Anschließend verabschiedete uns Nikolai mit der Frage: „Alles gut?“. Wir antworteten natürlich „Alles gut!“, denn mehr gab es auch nicht zu sagen.
Somit begannen wir die elend lange Rückfahrt nach Sofia. Zwischendurch legte Herr Vogel einen Zwischenstopp im berühmtesten Kloster Bulgariens, dem Rila Kloster, ein. Dort trafen wir natürlich, wie hätte es bei einer Attraktion anders sein können, auf japanische Touristen und irgendwie verstörte uns die Rückkehr in die globalisierte und reale Welt ein wenig. Der Anblick der hohen Mauern und Gemälde von unschätzbarem Wert war überwältigend und nur die eisigen Blicke eines Klosterbruders bezüglich meiner kurzen Hosen schmälerten das Erlebnis ein wenig.

Die letzte schöne Erinnerung bildete schließlich der Flug über die golden schimmernde Donau mit Miniaturbrücken darüber. Dieses Bild passte sehr gut, denn es war ja schließlich Tag der Deutschen Einheit. Ende gut, „Alles gut!“.

Wir möchten uns an dieser Stelle nochmals bei Herrn Guido Vogel bedanken, der uns diese einzigartige Reise ermöglichte und uns vor Ort betreute.
Desweiteren danken wir Herrn Stötzer und der Schule, die uns die Möglichkeit gaben an dieser Reise teilzunehmen.
Auch ein großes Dankeschön geht an die Veranstalter um Olaf Ludwig und Jörg Strenger und die bulgarischen Gastgeber, die uns mit größter Freundlichkeit empfingen.

geschrieben von Linus Walter